Magst du dich einmal kurz vorstellen?
Mein Name ist Florian, ich bin 28 Jahre alt und befinde mich derzeit in der Ausbildung zum
Heilerziehungspfleger. Parallel dazu arbeite ich in einer Einrichtung der Behindertenhilfe auf einer
Außenwohngruppe, in der ich Menschen mit Behinderung im Alltag begleite und unterstütze.


Was genau ist eine Außenwohngruppe?
Eine Außenwohngruppe ist eine eigenständige Wohnform, in der die Bewohnerinnen und
Bewohner ihren Alltag weitgehend selbstständig gestalten. Das bedeutet, dass alltägliche
Aufgaben wie Einkäufe, Putzdienste und andere hauswirtschaftliche Tätigkeiten entweder
eigenständig oder in Begleitung einer Betreuer:in durchgeführt werden. Auch die
Freizeitgestaltung wird von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst organisiert. Meine Rolle als
Betreuer besteht darin, eine verlässliche Unterstützung im Alltag zu sein – ein Ansprechpartner, an
den sich die Betreuten jederzeit wenden können, wenn sie Hilfe benötigen.


Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Der Arbeitsalltag ist abwechslungsreich und kein Tag gleicht dem anderen. Wir arbeiten in
verschiedenen Dienstformen: Der Frühdienst geht von 6:30 bis 9:00 Uhr, der Teildienst umfasst
die Zeiträume von 9:00 bis 12:00 Uhr und nochmals von 15:30 bis 21:30 Uhr, und der Spätdienst
dauert von 15:30 bis 21:30 Uhr.
Unabhängig von der Dienstform beginnt der Arbeitstag in der Regel mit dem ersten Kontakt zu
den Betreuten. Die Stunde zuvor, dient der Organisation. Es geht darum, die aktuelle Lage
einzuschätzen: Wie geht es den Bewohnerinnen und Bewohnern? Was steht heute an? Muss
etwas Bestimmtes erledigt werden? In erster Linie ist man als Betreuer präsent, knüpft Kontakt,
reflektiert gemeinsam den vergangenen Tag oder plant den bevorstehenden. Morgens gehört
auch die Begleitung der Bewohner zum Bus, wenn sie zur Arbeit fahren, zum Alltag.
Darüber hinaus stehen regelmäßig Wocheneinkäufe und Arztfahrten an. Ein wesentlicher
Bestandteil meiner Arbeit ist außerdem die Freizeitgestaltung sowie die seelsorgerische
Begleitung – also das Dasein in emotional schwierigen Momenten.


Habt ihr auch einen Nachtdienst?
Einen regulären Nachtdienst gibt es bei uns nicht, da in unserer Gruppe kein entsprechender
Bedarf besteht. Es gibt jedoch Außenwohngruppen, in denen ein Nachtdienst vorgesehen ist. Bei
uns kann bei einem krankheitsbedingten Bedarf – beispielsweise bei hohem Fieber – ein externer
Nachtdienst hinzugezogen werden, aber das kommt nur selten vor.


Welche Zielgruppe betreust du?
In meiner Wohngruppe betreue ich zehn Menschen im Alter von 27 bis 53 Jahren. Es sind
allesamt sehr offene, herzliche und selbstbestimmte Persönlichkeiten, die ihren Alltag
weitestgehend eigenständig erleben und gestalten.


Welche Rolle spielen Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit bei deinen Betreuten?
Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit spielen eine zentrale Rolle und sind als Konzept fest in
der Arbeit unserer Wohngruppe verankert. Unser erklärtes Ziel ist es, beides gezielt zu fördern.
Der gesamte Arbeitsalltag ist danach ausgerichtet.
Ein konkretes Beispiel: Jede Bewohnerin und jeder Bewohner wäscht selbstständig die eigene
Wäsche. Dabei wird auch die Selbstbestimmung respektiert – wenn heute einfach nicht der
richtige Tag dafür ist, kann die Wäsche in Absprache mit den Mitbewohnern verschoben werden.
Dieses Prinzip zieht sich durch den gesamten Alltag: Wir bieten Unterstützung an, wo sie
gebraucht wird, aber grundsätzlich sollen die Betreuten ihren Alltag so weit wie möglich
eigenständig organisieren und bewältigen.


Wie förderst du die Teilhabe deiner Betreuten am gesellschaftlichen Leben?
Die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe findet auf vielfältige Weise statt. Viele Betreute haben
Hobbys, für die wir gemeinsam Termine organisieren. Wir unternehmen zusammen
Abendausflüge, besuchen inklusive Diskotheken und planen gemeinsame Ausflüge.
Die Planung erfolgt partizipativ: Vor dem Wochenende setzen wir uns zusammen und besprechen,
was ansteht. Dabei kommen zwar auch Anregungen von uns Betreuern, aber die meisten Ideen
stammen von den Betreuten selbst. Auf dieser Grundlage wird die gesellschaftliche Teilhabe aktiv
gestaltet – immer orientiert an den Wünschen und Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner.


Was hat dich dazu motiviert, Heilerziehungspfleger zu werden?
Vor der Heilerziehungspflege habe ich bereits eine Ausbildung zum Kinderpfleger absolviert. Für
mich war schon immer klar, dass ich entweder etwas Handwerkliches machen oder mit Menschen
arbeiten möchte – ein Bürojob wäre mir auf Dauer zu eintönig gewesen.
In der Kinderpflege habe ich jedoch schnell gemerkt, dass ich mir die Arbeit mit kleinen Kindern
nicht so zugetraut habe, wie ich es mir gewünscht hätte. Daraufhin bin ich auf Reisen gegangen,
habe die Welt erkundet und dabei festgestellt, dass ich gut mit Menschen aller Hintergründe und
Lebenssituationen umgehen kann. Ich habe mit vielen verschiedenen Menschen gesprochen und
mir gedacht: Das ist es – ich möchte mit Menschen arbeiten. Mein ursprünglicher Wunsch war
es, Streetworker zu werden. Über Umwege bin ich dann aber zur Heilerziehungspflege gekommen
und bin bis heute sehr dankbar, dass sich dieser berufliche Weg für mich eröffnet hat.


Und wie bist du speziell in den offenen Bereich gekommen?
Das war tatsächlich kein gezielter Wunsch, sondern hat sich ergeben. Meine Mutter hat mir eine
Stellenausschreibung gezeigt – und genau das war der Bereich, in dem ich jetzt seit drei Jahren
arbeite. Ich fühle mich dort sehr wohl und möchte, wenn es möglich ist, langfristig im offenen
Bereich bleiben.


Was gefällt dir besonders an deinem Job?
Am schönsten finde ich, dass die Arbeit sehr familiär ist. Es ist nicht so, dass ich streng
vorschreiben muss, wie etwas auszusehen hat. Vielmehr handelt es sich um ein flexibles System,
in dem man viel voneinander lernen und gemeinsam wachsen kann. Die Arbeit ist unglaublich
abwechslungsreich.
Ich arbeite mit zehn wunderbaren Menschen zusammen, die mir auch persönlich sehr viel geben.
Zwischen uns entwickelt sich eine echte zwischenmenschliche Bindung – und genau das macht
es zu einer ehrlichen, erfüllenden Arbeit.


Gab es einen besonderen Moment, in dem du wusstest, dass das der richtige Beruf für dich ist?
Ja, den gab es – und zwar bereits in meiner ersten Arbeitswoche. Wir saßen abends gemeinsam
vor dem Fernseher, die ganze Gruppe, ein Arbeitskollege und ich. Wir schauten die Serie
Dahoam is Dahoam. In einer Szene fragte eine junge Frau einen jungen Mann, ob sie sich zu ihm
legen und kuscheln dürfe, weil es so kalt sei. Daraufhin fragte einer unserer Betreuten meinen
Kollegen ganz spontan, ob er auch zum Kuscheln kommen dürfe – weil es eben so kalt sei. Alle
mussten lachen, und in diesem Moment wusste ich: Das ist es. Genau hier bin ich richtig.


Welche pflegerischen bzw. medizinischen Aufgaben gehören zu deiner Arbeit?
Der pflegerische Anteil ist in unserer Außenwohngruppe vergleichsweise gering. Zu meinen
Aufgaben gehört das Stellen der Medikamente sowie die Kontrolle, dass alles korrekt
eingenommen wird. Wir haben in der Gruppe niemanden mit einem hohen Pflegebedarf, etwa
durch einen Dekubitus oder Ähnliches.
Die pflegerische Arbeit besteht bei uns eher darin, bei der eigenständigen Körperpflege zu
unterstützen und genau hinzuschauen: Wurde der Bart ordentlich gestutzt? Wurden die Haare
richtig gewaschen und geföhnt, bevor es ins kalte Wetter hinausgeht?
Darüber hinaus gehören Arztfahrten und die damit verbundene Organisation zu meinen Aufgaben – also das Verwalten medizinisch relevanter Dokumente und die Koordination rund um ärztliche
Termine. Das ist ein nicht unerheblicher Teil der täglichen Arbeit.


Welche Bedeutung hat Beziehungsgestaltung in deinem Arbeitsalltag?
Beziehungsgestaltung ist einer der zentralen Aspekte meiner Arbeit. Meine Betreuten durchleben – wie jeder andere Mensch auch – Krisensituationen, und manchmal können sie mit diesen
besser, manchmal weniger gut umgehen. Das können Todesfälle sein oder andere einschneidende
Erlebnisse, die ich begleiten darf.
Ohne eine tragfähige Beziehung zu diesen Menschen könnte ich sie in solchen Momenten nicht
annähernd so gut auffangen und begleiten. Die Beziehung schafft eine Vertrauensbasis, die für die
gesamte Zusammenarbeit essenziell ist. Professionelle Beziehungsgestaltung bedeutet in diesem
Kontext: Da sein, Vertrauen aufbauen und eine verlässliche Grundlage schaffen, auf der
Unterstützung wirksam werden kann.


Wie gehst du mit herausforderndem Verhalten um?

Das ist sehr individuell. Ich glaube, man muss mit der Zeit lernen, mit wem man es zu tun hat und
wie die einzelnen Personen in bestimmten Situationen reagieren. Mein Ansatz ist es, die Person
dort abzuholen, wo sie gerade steht – beruhigend zu wirken, einfach da zu sein und der Person zu
zeigen: Du bist in Ordnung, so wie du bist, und diese Situation darf auch sein.
Dann versuche ich, behutsam anzusetzen und – sofern die Person es auch möchte – positiv auf
die Situation einzuwirken. Das kann ganz unterschiedlich aussehen: Manchmal hilft es, die Person
einfach in den Arm zu nehmen, manchmal ist ein offenes Gespräch das Richtige.


Wie wichtig ist Teamarbeit in deiner Arbeit?
Teamarbeit ist essenziell. Wenn ich in den Dienst komme und keine Übergabe stattgefunden hat,
kann es passieren, dass eine Situation eintritt, auf die ich anders hätte reagieren können, wenn ich
zuvor informiert worden wäre.
Die Übergaben finden bei uns größtenteils über ein digitales System statt – persönliche
Übergaben sind in unserem Bereich eher selten, in anderen Arbeitsbereichen sieht das anders
aus. Zusätzlich nutzen wir die Signal-App, um uns bei Bedarf schnell untereinander austauschen
zu können. Im Alltag besteht die Teamarbeit vor allem darin, Dokumentationen zu lesen und sich
auf dem Laufenden zu halten, was aktuell notiert wurde. Außerdem finden regelmäßige
Gruppengespräche im Team statt.


Wie werden Entscheidungen im Team getroffen?
Die Entscheidungsfindung hängt vom Ausmaß der jeweiligen Angelegenheit ab. Wenn ein
Bewohner oder eine Bewohnerin einen konkreten Wunsch hat, kann dieser häufig direkt mit der
zuständigen Bezugsbetreuung umgesetzt werden.
Bei größeren Themen oder wenn Unsicherheiten bestehen, nutzen wir unser wöchentliches
Teamgespräch. Dort setzen wir uns zusammen und schauen: Was sind die aktuellen To-dos? Was
steht an? Wie wollen wir einheitlich damit umgehen? Es ist uns wichtig, dass wirklich jedes
Teammitglied hinter den getroffenen Entscheidungen stehen kann. Der Meinungsaustausch ist
dabei sehr intensiv und wird von allen aktiv mitgetragen.


Welche Herausforderungen begegnen dir in deinem Arbeitsalltag?
Schwieriger sind Situationen, die plötzlich und unerwartet entstehen, in denen man regelrecht
überrumpelt wird und erst einmal einen Schritt zurücktreten muss. Dazu zählt auch die Begleitung
in seelischen Notsituationen – etwa beim Tod von Angehörigen. Ebenso kann es herausfordernd
sein, wenn Betreute Wünsche äußern, die in dem gewünschten Ausmaß nicht umsetzbar sind.
Dann ist es wichtig, gemeinsam eine realistische Lösung zu finden. Insgesamt sind die
Herausforderungen aber gut zu bewältigen.


Wie gehst du mit emotional belastenden Situationen um, und was hilft dir, Privates und
Berufliches zu trennen?

Wenn mich etwas belastet, nehme ich mich gerne erst einmal aus dem Geschehen heraus und
versuche, zur Ruhe zu kommen. Ich habe das große Glück, sowohl privat als auch in der Schule
und auf der Arbeit von tollen Menschen umgeben zu sein, die mich gut auffangen. Man kommt
sich nicht blöd dabei vor, mal eine Frage zu stellen oder Unterstützung einzufordern – und genau
das ist auch das Schöne an diesem Beruf.
Mir hilft der soziale Kontakt, aber auch die Möglichkeit, mich bewusst zurückzulehnen und zu
wissen: Es ist in Ordnung, wenn ich gerade nicht perfekt funktioniere. Außerdem spielt Musik für
mich eine große Rolle bei der Verarbeitung.
Ein weiterer Vorteil: Ich habe einen relativ weiten Arbeitsweg. Das klingt zunächst nach einem
Nachteil, ermöglicht mir aber eine natürliche Trennung. Wenn ich zuhause ankomme, ist die Arbeit
vorbei – und wenn ich in der Arbeit bin, ist das Privatleben auf Pause gestellt.


Wann findest du deine Arbeit besonders sinnvoll?
Besonders sinnvoll fühlt sich meine Arbeit in den Momenten an, in denen wir gemeinsam etwas in
der Freizeit unternehmen. Oder auch abends, wenn der Tag vorbei ist und wir zusammensitzen, in
den Austausch gehen, Spaß haben, miteinander reden und Situationen gemeinsam reflektieren
und darüber lachen können. Diese Momente der echten Begegnung sind es, die den Beruf so
wertvoll machen.


Welche Fähigkeiten sind deiner Meinung nach in diesem Beruf besonders wichtig?
Zunächst einmal ist es wichtig, sich selbst hinterfragen zu können – und ebenso gesellschaftliche
Themen kritisch zu reflektieren. Im Arbeitsalltag können sich schnell Gewohnheiten oder
Dynamiken einschleichen, die vielleicht nicht optimal für alle Beteiligten sind.
Darüber hinaus ist Empathiefähigkeit essenziell. Manche Situationen werden von den Betreuten
nicht explizit angesprochen, aber man spürt sie im Raum. Man muss als Person sehr offen sein,
dem Menschen gegenüber akzeptierend auftreten und im besten Fall auch kontaktfreudig sein –
also die Bereitschaft mitbringen, aktiv auf Menschen zuzugehen.


Was würdest du Menschen raten, die in diesem Beruf arbeiten möchten?
Da hat meine Kollegin Michelle schon etwas sehr Treffendes gesagt: Probiert es einfach aus – es macht bestimmt Spaß! Einen besseren Rat gibt es meiner Meinung nach nicht. Der Einstieg in die
Praxis ist der beste Weg, um herauszufinden, ob dieser Beruf der richtige ist