Magst du dich kurz vorstellen und erzählen, in welchem Bereich du arbeitest?

Ich heiße Michel und arbeite in einer Intensiv-Wohngruppe mit acht Bewohner:innen.

Seit wann bist du in der Heilerziehungspflege tätig?

Jetzt ungefähr seit drei Jahren.

Und warum hast du dich für den Heilerziehungspfleger entschieden?

Ich habe in meiner alten Arbeit irgendwie die Motivation verloren und wollte etwas Neues ausprobieren. Es hat mich tatsächlich schon immer gereizt, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Außerdem macht es mir Spaß, andere Menschen zu unterstützen.

Was bedeutet geschlossener Bereich in deiner Einrichtung konkret?

Unsere Bewohner:innen benötigen eine intensive Begleitung bei der Bewältigung ihres Tagesablaufs. Hier unterstützen wir als Betreuer:innen, indem wir feste und vorhersehbare Strukturen im Tagesablauf ermöglichen, an denen sich unsere Bewohner:innen orientieren können. Aber auch der Schutz vor Gefahren, die sie selbst nicht einschätzen oder bewältigen können, spielt hier eine sehr große Rolle. Deshalb sind die Ein- und Ausgänge der Gruppenräume verschlossen und können nur vom Betreuungspersonal geöffnet bzw. geschlossen werden. Ausflüge oder Aufgaben außerhalb der Wohngruppe erfolgen deshalb immer in Begleitung von Betreuungspersonal.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich im geschlossenen Bereich aus?

Über den Tag verteilt bieten wir unseren Bewohner:innen verschiedene Förderangebote an, unternehmen Ausflüge, oder erledigen mit ihnen Botengänge und Einkäufe.

Zu den weiteren Aufgaben gehört die pflegerische Versorgung, beispielsweise bei der Morgen- und Abendtoilette. Außerdem bereiten wir Frühstück, Mittag und Abendessen für unsere Bewohner:innen vor.

Welche Aufgaben gehören besonders zu deiner täglichen Arbeit?

Zum einen die Unterstützung und Begleitung der Bewohner:innen in psychischen Krisen. Hierfür ist es wichtig, genau zu beobachten, um Krisen frühzeitig zu erkennen. Zum anderen geben wir Orientierung durch das Vorleben von festen Tagesstrukturen. Aber auch das kontinuierliche Hinterfragen dieser Abläufe und die Anpassung an Veränderungen gehören ganz besonders zu unserer täglichen Arbeit.

Was unterscheidet die Arbeit im geschlossenen Bereich von anderen Bereichen der Behindertenhilfe?

Zum einen ist unser Personalschlüssel deutlich höher als in offenen Wohngruppen, weil unsere Bewohner:innen einen hohen Unterstützungsbedarf haben. Deshalb, und auch aus Sicherheitsgründen, sind wir immer zu zweit im Dienst. Außerdem sind die Ein- und Ausgänge unserer Wohngruppe abgeschlossen. Jedoch haben manche unserer Bewohner haben eigene Zimmerschlüssel, aber keinen für die Ein- und Ausgänge der Wohngruppe.

Welche besonderen Anforderungen stellt dieser Arbeitsbereich an die an dich als Fachkraft?

Da viele unserer Bewohner:innen Nicht-Sprecher sind, spielt die Beobachtung von Mimik, Gestik und Verhalten eine sehr große Rolle. Hier hilft es, wenn man feinfühlig und empathisch ist. Außerdem muss man in der Lage sein, auch in stressigen Situationen Ruhe bewahren zu können.

Was hat dich dazu bewegt im geschlossenen Bereich zu arbeiten?

Nachdem ich einen Tag auf der Gruppe hospitiert habe, war mein Interesse für diesen doch speziellen Bereich der Betreuung geweckt. Mich hat vor allem die Einzigartigkeit der Bewohner:innen und die Arbeit mit ihnen fasziniert.

Gab es einen bestimmten Moment oder eine bestimmte Erfahrung, die deine Entscheidung beeinflusst hat?

Ja, das Hospitieren auf der Wohngruppe war für mich der Entscheidende Moment.

Und welche Rolle spielen Vertrauen und Beziehung in deiner Arbeit?

Eine vertrauensvolle und positive Beziehung zu unseren Bewohner:innen ist die Grundlage für unsere tägliche Arbeit. Für unsere Bewohner:innen sind wir die Anlaufstation für alle ihre Bedürfnisse und Wünsche. Deshalb ist es wichtig eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle ihre Bedürfnisse und Wünsche offen kommunizieren und ausleben können.

Wie groß ist dein Team und arbeiten dort ausschließlich Heilerziehungspfleger:innen?

In unserem Team sind wir elf Mitarbeiter:innen, die überwiegend eine Ausbildung zum HEP oder HEP-H besitzen. Aber auch als Kranken- oder Altenpfleger:in kann man in unserem Team arbeiten. Ein kleiner Stellenanteil ist durch Kolleg:innen besetzt, die keine direkte Ausbildung mit einem pädagogisch-pflegerischen Beruf haben. Zusätzlich gibt es in unserer Wohngruppe einen Nachtdienst, der ausschließlich aus Fachkräften besteht, und einer Stationshilfe, die sich um Hauswirtschaftliche Aufgaben kümmert.

Wie findet der Informationsaustausch innerhalb deines Teams statt?

Zwischen den unterschiedlichen Diensten (Früh, Spät und Nacht) erfolgt der Informationsaustausch in Übergabegesprächen statt. Hier werden tagesaktuelle Geschehen zu den einzelnen Bewohner:innen besprochen. Zusätzlich finden in regelmäßigen Abständen Team-/Fallgespräche oder Gruppenvisiten statt, in denen unterschiedliche Themen besprochen werden.

Wie wichtig ist für dich die Zusammenarbeit im Team? Und was macht gute Teamarbeit in deinem Arbeitsbereich aus?

Teamarbeit ist bei uns extrem wichtig. Man muss seine Kolleg:innen gut kennen und sich auf diese verlassen können, aber sich auch gegenseitig unterstützen. Es ist aber auch von sehr großer Bedeutung, dass alle Kolleg:innen an einem Strang ziehen und sich an die im Team beschlossenen Entscheidungen halten.

Wie schaffst du es, Beruf und Privatleben in Balance zu halten?

Zum einen hilft es zu wissen, dass der nachfolgende Dienst die Verantwortung übernimmt und ich guten Gewissens in den Feierabend gehen kann. Zum anderen hilft mir Sport, die Balance zwischen Berufs- und Privatleben zu halten und den Kopf frei zu bekommen.

Gibt es was, was dir nach der Arbeit hilft, abzuschalten?

Ein guter Film oder eine spannende Serie.

Welche Hobbys oder Interessen hast du außerhalb deines Berufes?

Ich gehe gern klettern oder in den Bergen wandern. Vor einem Jahr habe ich das Malen für mich entdeckt, was sich auch sehr gut zum Abschalten nach einem anstrengenden Tag eignet.

Gibt es etwas, das dir besonders wichtig ist, um Kraft zu tanken?

Ja, gezielt ruhige Momente suchen, in denen man für sich sein kann.

Was bedeutet für dich persönlich einen guten Ausgleich zur Arbeit?

Ein guter Ausgleich zur Arbeit bedeutet für mich, es zu schaffen, die Arbeit in der Arbeit und das Privatleben zuhause zu lassen.

Was sind für dich die schönsten Momente in deinem Arbeitsalltag?

Gemeinsam Spaß am Miteinander zu haben und mit unseren Bewohner:innen Zeit außerhalb der Wohngruppe zu verbringen. Aber auch Lernerfolge, auf die man gemeinsam hingearbeitet hat, zählen mitunter zu den schönsten Momenten.

Gibt es Erlebnisse, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Ja, das war ein Ausflug zum Essen mit allen Bewohner:innen der Wohngruppe. Da unsere Bewohner:innen einen hohen Betreuungs- und Unterstützungsbedarf haben, sind solche Vorhaben die Ausnahme und finden in der Regel nur in eins-zu-eins Betreuung statt.

Was gibt dir Kraft oder Motivation auch an schwierigen Tagen?

Das Wissen, dass man Menschen ermöglicht, Fähigkeiten zu entwickeln, mit denen sie ihren Alltag selbstbestimmter und selbstständiger bestreiten können. Aber auch, zu sehen, wie sich unsere Bewohner:innen weiterentwickeln gibt immer wieder Motivation für unsere tägliche Arbeit.

Was lernst du durch deine Arbeit von den Menschen, die du begleitest?

Offer und toleranter anderen Menschen gegenüber zu sein und sich selbst nicht zu ernst nehmen.

Was wünschst du dir, dass Außenstehende über den geschlossenen Bereich besser verstehen?

Ich denke, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, welchen Stellenwert die Arbeit in einer Intensiv-Wohngruppe hat. Für unsere Bewohner:innen bedeutet es, ihr Leben möglichst selbstständig und selbstbestimmt zu bestreiten. Es ist dabei auch wichtig zu verstehen, dass diese Wohnform die letzte Station vor einer Unterbringung in einer Psychiatrie ist, in der die Teilhabe an einem normalen Leben oft nicht möglich ist.

Allgemein wünsche ich mir, dass Außenstehende offener und aufgeschlossener gegenüber anderen sind.

Was macht diesen Beruf für dich menschlich und wertvoll?

Die Arbeit mit unseren Bewohner:innen und das gegenseitige Vertrauen. Aber auch zu Erleben, wenn sie selbstständig Aufgaben bewältigen und in der Lage sind ihren Tag möglichst selbstbestimmt zu durchleben.

Was würdest du Menschen sagen, die überlegen, in der Heilerziehungspflege zu arbeiten?

Probiere es aus! Du wirst sicherlich Spaß daran haben.

Gibt es etwas, das du zum Abschluss noch teilen möchtest?

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen nicht mit Scheuklappen durch die Welt laufen und seinem Gegenüber mit Offenheit und Respekt zu begegnen.